Land und Leute

Kehrt Lenin nach Eisleben zurück?

Im Hauptausschuss der Stadt Eisleben soll über das Schicksal des Lenin-Denkmals erstmals beraten werden.

Lenin auf alter DDR-Postkarte

Lenin auf alter DDR-Postkarte

Eisleben.
In einer Beschlussvorlage, welche die Fraktion DIE LINKE. im Eislebener Stadtrat einbringen möchte, soll der Stadtrat den Bürgermeister beauftragen, das Lenindenkmal vom Deutschen Historischen Museum Berlin in die Lutherstadt Eisleben zurückkehren zu lassen.

Die Mansfeller Zeitung sprach hierzu mit dem Einbringer der Vorlage, Herrn Hans Köhler.

MZ: Herr Köhler, Sie sind langjähriger Stadtrat in der Lutherstadt Eisleben. Warum stellen Sie und Ihre Fraktion gerade jetzt diesen Antrag im Stadtparlament?

Herr Köhler: Ursächlich für unsere jetzige Beschlussvorlage ist eine Vorlage des Bürgermeisters der Stadt Eisleben, Herrn Staub, in dem er beauftragt werden möchte den §1 des Leihvertrages zum Lenin-Denkmal mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin zu verändern. Hier soll der Zweck der Ausleihe erweitert werden, mit dem Zusatz „Verwahrung im Depot“.
Bisher waren in dem Leihvertrag vereinbart, die Ausstellung, die wissenschaftliche Dokumentation sowie Pflegemaßnahmen.

MZ: Vielleicht können Sie unseren Leserinnen und Lesern einmal kurz etwas zu Geschichte dieses Denkmals erzählen.

Herr Köhler: Sehr gerne. Das Lenin-Denkmal gelangte, unter Missachtung der Genfer Konvention über den Schutz von Kulturgütern, als Kriegsbeute der deutschen Wehrmacht aus der russischen Stadt Puschkin am 25.Oktober 1943 nach Eisleben. Aus seinem und dem vieler anderer Kunst- und Kulturgegenstände sollte Material für die weitere Kriegführung produziert werden. Mit einem Gewicht von fast 3 Tonnen war es nur eines der geraubten Schwergewichte. Eine Schiffsschraube mit 3,5 und Kirchenglocke mit 4 Tonnen landeten zu gleichem Zwecke auf der damaligen Krughütte.
Der Vernichtung entgangen ist neben Anderem das Lenindenkmal. In einem Kooperationsseminar vom 12.-13. Oktober 2oo2 der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen Anhalt und der Lutherstadt Eisleben „Die besondere Geschichte und Rezeption des Lenindenkmals in Lutherstadt Eisleben“ wurde klar herausgestellt, dass es ein kluger Schachzug der Stadt war, das Denkmal beim Einmarsch der sowjetischen Soldaten, auf einem provisorischen Podest auf dem „Plan“ zu präsentieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit entging sie damit so manchem Ungemach. Der Kommunist Büchner war Bürgermeister und Chef der damaligen aus erklärten Antifaschisten bestehenden Stadtverwaltung.
Seinem unbefangenem Handeln hat Eisleben auch den Zusatz „Lutherstadt“ zu verdanken!
1948 wurde das Denkmal durch die sowjetische Militäradministration, deren Kulturoffenheit und Wohlwollen wir u.a. auch die Gründung unseres mitteldeutschen Theaters unter Regie von Herrn Felix Ecke zu verdanken haben, zum Geschenk gemacht. Der Vertreter der Administration, Oberstleutnant Trebutschenko, sprach dabei folgende Hoffnung aus:
„ … Möge dieses erste Lenindenkmal in Deutschland dem deutschen Volke, als Symbol des gegenseitigen Verstehens und der Freundschaft zwischen den Völkern der Sowjetunion und dem deutschen Volke sein!“
Der damalige Oberbürgermeister Dr. Barwinski (LDPD) versprach im Namen der Bürger, das Denkmal stets in Ehren zu halten!
Der berühmte Schöpfer des Denkmals, Professor Maniser besuchte zu einem späteren Zeitpunkt in Begleitung mit dem 1. Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik, Wilhelm Pieck, die Lutherstadt Eisleben. Für viele Bürger wurde das Denkmal ein Bestandteil des Stadtbildes, für Touristen ein Orientierungspunkt bzw. ein POI (Punkt besonderen Interesses).
Eine amerikanische Studentin verfasste über das Denkmal eine von Ihren Professoren ausdrücklich gelobte Arbeit. Japanische Studenten suchten noch 1991 das Denkmal in unserer Stadt zielgerichtet auf!
Die Besonderheit dieses Denkmals besteht in der ungewöhnlichen Darstellung der Person Lenins. Es gibt nur 4 Denkmale dieser Art, der Darstellung Lenins mit Mütze. Nur in Chabarowsk, in Kuibischew und Kirowgrad ist ähnliches zu finden. So gesehen befindet sich Eisleben in der glücklichen Lage, gewissermaßen ein Äquivalent zur „Blauen Mauritius“ zu besitzen.
Dies erklärt auch das Bedürfnis verschiedener Antragsteller durch Kauf oder Ausleihe in den Besitz des Denkmals zu gelangen, sie wissen um den Wert dieses Kulturgegenstandes und schätzen ihn.
Und wir, wir Eislebener Bürger, wir Stadträte? Verbringt man einen solchen Kulturgegenstand aus der eigenen Stadt?
Stadträte verdammen es, uns zum Schaden und anderen zum Gewinn!

MZ: Warum möchte das Deutsche Historische Museum jetzt diese Änderung im Leihvertrag?

Herr Köhler: In dem Schreiben des DHM heißt es wörtlich: „Auch Sie haben durch ihre Leihgabe unsere Dauerausstellung äußerst bereichert. Dafür möchte ich mich heute bei ihnen herzlich bedanken und gleichzeitig den Wunsch formulieren, das von Ihnen geliehene Objekt weiterhin oder dauerhaft im Historischen Museum verwahren zu dürfen. Wir würden uns sehr freuen, das Objekt auch künftig für die wissenschaftliche Forschung sowie gleichsam für Ausstellungszweck zu bewahren“. Jedoch kein Wort darüber, dass während der Dauerleihe bisher gegen mehrere Bestimmungen im Leihvertrag permanent verstoßen wurde.

1. Die Stadt hat bisher nie das Ergebnis jahrelanger „wissenschaftlicher Studien“ überreicht bekommen. Das ist ein klarer Verstoß gegen § 12!
2. „Der Entleiher verpflichtet sich des Weiteren, bei der Aufstellung der Leihgabe im Deutschen Historischen Museum den besonderen geschichtlichen Bezug des Lenindenkmals zur Stadt Eisleben darzustellen!“ Schön wäre es gewesen, aber viele Besucher bestätigten zwar die Nennung des Verleihers, aber eine Erläuterung des „besonderen Bezuges“ blieb aus!

Mit Annahme unserer Beschlussvorlage wird nichts „übers Knie gebrochen“. Das Denkmal kommt auf Kosten des DHM nach Lutherstadt Eisleben.
Nach weiteren Beratungen in den Fachausschüssen über Art und Weise der Aufstellung kann, ohne Zeitdruck, gehandelt werden.
Die Problematik des Sockels ist beherrschbar, u.U. ist auch der ursprüngliche Sockel noch auffindbar. Eine ebene Betonfläche für 3 Tonnen Belastbarkeit zu fertigen dürfte auch kein Problem sein.
Die Erklärung, dass eine fachlich für Kultur zuständige Stelle erklärt, nicht in der Lage zu sein einen „historischen Kontext in dem das Denkmal künftig und unbedingt eingebettet werden sollte“ herzustellen, muss einen Stadtrat sehr nachdenklich stimmen.! Eventuell kann man aber auch die Studienergebnisse des DHM nutzen?

MZ: Was erhoffen sie sich bei der Abstimmung?
Herr Köhler: Ich wünsche mir, dass sich unsere gewählten Stadträte als „Bürgervertreter“ und nicht nach Parteizugehörigkeit entscheiden!

MZ: Danke für das Gespräch

Weitere Info`s:

berlingeschichte.de/lexikon/mitte/l/lenindenkmal.htm

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Holger Hüttel

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