Kurzmeldungen

Am Sonntag, dem 4. August soll am Telemann Gedenkstein, eines Sohnes der Stadt Sangerhausen erinnert werden

An diesem Tag vor 75 Jahren, am o4. August 1944, gab Walter Telemann für seine antifaschistische und antimilitaristische Haltung sein Leben.

Archivbild

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Sangerhausen. Am Sonntag, dem 4. August soll am Gedenkstein von Walter Telemann, eines Sohnes der Stadt Sangerhausen erinnert werden, der genau an diesem Tag vor 75 Jahren, am o4. August 1944, für seine antifaschistische und antimilitaristische Haltung sein Leben gegeben hat.

Walter Telemann wurde am 27. Februar 19o6 in Sangerhausen in eine Landarbeiterfamilie hineingeboren. Die Familie Telemann wohnte damals in der Schloßgasse 4.

Telemann besuchte die 8-jährige Volksschule in Sangerhausen und lernte anschließend im „Barbarossa“ Eisenwerk, welches sich in der Lengefelder Straße befand, seinen Beruf. Kurze Zeit nach der Lehre fing Walter Telemann in der Maschinenfabrik an zu arbeiten.
Diese Anstellung in der Maschinenfabrik, war auch der Grund dafür, dass der Gedenkstein an der heutigen Probstmühle errichtet wurde. Die Straße an der Maschinenfabrik und der Ort des Gedenksteines trug bis 1991 seinen Namen, Walter Telemann Straße.

Viele Arbeiterinnen und Arbeiter aus unserer Gegend hatten im damaligen kaiserlichen Deutschland und später auch in Weimarer Zeit eine linke Einstellung. Nicht umsonst wird noch heute oft vom „roten“ Mansfeld gesprochen. Es war also fast schon folgerichtig, dass Walter Telemann als Jugendlicher zunächst der sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und später mit 17 Jahren, 1923, zum kommunistischen Jugendverband wechselte. Telemann war u.a. auch im Musikzug des Rot-Front-Kämpferbundes aktiv.
Walter Telemann heiratete und aus der Ehe erwuchsen 2 Kinder.

1933, Telemann war damals gerade 26 Jahre alt, übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. So wurden auch in Sangerhausen die politischen Weichen für die NSDAP gestellt und der braune Terror begann seine 12-jährige Geschichte auch im roten Mansfeld.
Über die Zeit von 1933 bis zur Einberufung zum Kriegsdienst im Jahre 194o ist leider bisher wenig über Telemann bekannt.
Noch vor dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde Telemann 194o zur militärischen Ausbildung nach Erfurt eingezogen, um dann am Krieg gegen die UdSSR in Mittelrussland beim Panzergrenadierregiment 59 eingesetzt zu werden. Über seine militärischen Stationen bis zum Mai 1943 ist ebenfalls wenig bekannt.

Am 13. Mai 1943 wurde Telemann im Gebiet Orjol, ca. 35o km südwestlich von Moskau schwer verwundet.
Trotz seiner schweren Verwundung und nach einer langen Genesungsphase musste er erneut in diesen verbrecherischen und aussichtslosen Krieg zurück.
Ca. ein Jahr später, Ende Juni 1944 wurde sein Panzergrenadierregiment in einer Kesselschlacht bei Bobruisk in Weißrussland zerschlagen.

Hier könnte neben seiner antimilitaristischen Haltung auch einer der Auslöser seiner endgültigen Desertion liegen.

Die 9. deutsche Armee sollte den Frontabschnitt um Bobruisk gegen die vorrückende weißrussische Front unter Marschall Rokosowski verteidigen.
Wie zu dieser Zeit üblich begannen im gesamten Frontabschnitt Artilleriefeuer und dauernde Fliegerangriffe durch die Rote Armee zur Vorbereitung des Angriffes. Schnell entstand absolutes Chaos in den deutschen Stellungen und die Gefahr der Einschließung löste Angst aus. Die Zahl der Toten und verwundeten Soldaten stieg immer schneller.
Hier zwei kurze Berichte aus diesen Tagen, die doch sehr anschaulich die Lage und die Verbrechen in einem Krieg hier am Beispiel dieses Frontabschnittes darstellen.

„Nach dem Bericht eines sowjetischen Soldaten nutzten Ärzte bei der 36. deutschen Infanterie-Division am 26. Juni südöstlich von Bobruisk das Blut aufgegriffener weißrussischer Kinder, um ihre Verwundeten mit Bluttransfusionen zu versorgen. Die Grube mit den verscharrten, teilweise noch lebenden Kindern wurde einen Tag später durch Soldaten der Roten Armee geöffnet.“

Wie katastrophal die deutschen Verluste, es waren allein in diesem Frontabschnitt ca. 35.ooo deutsche Soldaten die gefallen oder in Gefangenschaft genommen wurden, beschrieb der sowjetische Journalist Grossmann:

„Die Männer laufen über die Leichname deutscher Soldaten. Leichen, hunderte und tausende bedecken die Straße, liegen in Gräben, unter den Kiefern, auf den noch grünen Getreidefeldern. An einigen Stellen müssen Fahrzeuge über die Körper fahren, weil sie so dicht am Boden liegen. (...) Ein Kessel des Todes kochte an diesem Ort, an dem Rache (für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion) genommen wurde.“

Die noch verbliebenen Teile seines Regimentes erreichten jedoch im Rückzug durch die vorrückende Rote Armee im Sommer 1944 Ostpreußen.

Inzwischen hatte Walter Telemann bereits 5 Jahre Krieg, Verbrechen und Elend welches die faschistischen Truppen und ihre Verbündeten über Europa und die Welt brachten erleben müssen, sodass er sich angesichts des sich nähernden Endes des faschistischen Regimes den Mut fasste, den viele bis zum Schluss nicht aufbrachten, einen Fronturlaub zu nutzen, sich nun endgültig der Teilnahme an diesem Krieg auf der Seite der Aggressoren zu verweigern und zu desertieren.
So soll Walter Telemann während den Tagen seines Urlaubes gesagt haben: „Das mache ich nicht mehr lange mit, ich mache Schluss!“ Außerdem soll er andere Kameraden aufgerufen haben zur Roten Armee überzulaufen.
Leider waren jedoch zu dieser Zeit, die faschistischen Schergen, gerade durch das soeben gescheiterte Hitlerattentat, besonders wachsam, um jeglichen Widerstands- willen, und Defätismus im Keim zu ersticken, zu unterbinden und zu brechen.

So wurde Walter Telemann am 3. August von den Feldjägern gestellt und bereits einen Tag später aufgrund des Befehls von Adolf Hitler vom 1. August 44, bei Sparken, in Ostpreußen, standrechtlich erschossen. Er hinterließ zwei Kinder, sein Sohn war gerade 4 Jahre alt und seine Ehefrau.

Damit gehört Walter Telemann zu den wenigen Menschen, die den Mut aufbrachten, aus Überzeugung ihre Waffen niederzulegen, um diesen sinnlosen Morden, Brandschatzen, diesen Verbrechen an anderen Völkern, wie auch an dem eigenen Volk ein Ende zu setzen.

Menschen wie Walter Telemann gaben für eine solche Überzeugung ihr Leben. Zeigen wir ihnen, dass ihr Kampf nicht umsonst gewesen ist.

Walter Telemann hatte damals nicht das Glück, sich ohne Gefahr der eigenen Vernichtung für eine friedliche und demokratische Welt zu artikulieren. Gerade daher war und ist seine Einstellung, seine Haltung uns heute Vermächtnis und Ansporn jeglichen Völkerhass und militärische Auseinandersetzung zu verhindern.

Holger Hüttel

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