Prora auf Rügen. Manchmal schreibt ein Ort seine eigene Geschichte – und manchmal wird man selbst Teil dieser Geschichte. Für mich ist Prora auf Rügen ein solcher Ort.
Vor 37½ Jahren, von Januar bis April 1989, absolvierte ich hier meine Meisterausbildung an der Militärtechnischen Schule der Nationalen Volksarmee. Es war eine besondere Zeit: Die DDR existierte noch, doch nur wenige Monate später sollte sie sich grundlegend verändern und sich schließlich ein weiteres Jahr später selbst auflösen, sowohl die DDR, wie auch ihrer Streitkräfte.
Prora war für mich damals allerdings vor allem eines: Ausbildungsstätte und Soldatenalltag. Täglich ging es die Treppen rauf und runter – teilweise fast 20-mal vom obersten Stockwerk bis nach unten und natürlich wieder hinauf. Einen Fahrstuhl, wie heute gab es nicht, Teppiche schon gar nicht. Und wenn man als Soldat unterwegs war, gehörte entsprechendes Gepäck selbstverständlich dazu.
Heute stehe ich wieder in nahezu demselben Gebäude – allerdings unter völlig anderen Umständen. Wo früher Soldaten untergebracht und ausgebildet wurden, befinden sich heute moderne Ferienwohnungen und ein großes Urlaubsresort. Fahrstühle, Teppiche, moderne Ausstattung und ein völlig neues Innenleben lassen kaum noch erahnen, wie es hier vor mehr als 37 Jahren aussah.
Vom „KdF-Bad“ zur Kaserne
Der Bau des sogenannten Kolosses von Prora begann in den 1930er-Jahren. Die nationalsozialistische Organisation „Kraft durch Freude“ plante hier ein gigantisches Seebad für rund 20.000 Urlauber. Die Anlage sollte der propagandistischen Idee eines gemeinsamen Urlaubs für die deutsche Bevölkerung dienen – zugleich war sie Ausdruck des Größenwahns und der Massensystematik des NS-Regimes.
Der Zweite Weltkrieg verhinderte die Fertigstellung als Ferienanlage. Nach dem Krieg wurde Prora militärisch genutzt, später durch die Nationale Volksarmee. Genau in diese Geschichte geriet ich 1989 für einige Monate hinein.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass sich damals unmittelbar vor unserer Haustür ein Stück DDR-Geschichte vollzog: die letzten Arbeiten an der Fährverbindung zwischen Mukran und Klaipeda, zu großen Teilen durch Bausoldaten. Die Verbindung sollte den bisherigen Landweg durch die politisch zunehmend instabile Volksrepublik Polen umgehen. Mit dem Erstarken der Solidarnosc und dem großen Einfluss von Papst Johannes Paul II. (Karol Wojtyla) war der Transit durch Polen für die DDR und die Sowjetunion zu einem Unsicherheitsfaktor geworden. Die neue Eisenbahnfährverbindung über die Ostsee sollte daher einen direkten und politisch verlässlicheren Weg zwischen der DDR und der Sowjetunion schaffen.
Vom Verfall zum Ferienresort
Nach dem Ende der militärischen Nutzung begann für Prora eine lange Phase des Verfalls. Über zwei Jahrzehnte standen große Teile der Anlage weitgehend leer. Der einstige „Koloss“ wurde zunehmend zum Symbol vergangener Zeiten.
Erst vor mehr als zehn Jahren begann die umfangreiche Sanierung und Umgestaltung einzelner Bereiche. Aus den früheren Gebäudeteilen entstanden moderne Wohnungen und Ferienunterkünfte. Heute ist Prora ein riesiges Urlaubsresort, das mit seiner ursprünglichen Nutzung kaum noch etwas gemeinsam hat.
Fertig ist der Wandel allerdings noch lange nicht. Das frühere „Haus der NVA“, in dem sich einst unter anderem die Großküche der MTS befand und in dem ich selbst noch als Offizier vom Dienst – OVD – Dienst hatte, wartet weiterhin auf seine Rekonstruktion. Auch das Gebäudeteil nördlich des Eingangsbereiches Richtung Ostsee soll noch saniert werden.
Wenn ich heute durch Prora gehe, begegnen mir deshalb drei Zeiten gleichzeitig: vorgestern die nationalsozialistische Idee vom „KdF-Bad“, gestern mein hier zwar kurzer, aber doch Soldatenalltag in der NVA und heute der moderne Urlaubsort an der Ostsee.
Der Ort ist derselbe geblieben. Die Menschen, die ihn nutzen, die Systeme, für die er stand, und die Geschichten, die man mit ihm verbindet, haben sich dagegen grundlegend verändert.
Und manchmal ist es schon ein merkwürdiges Gefühl, nach 37½ Jahren wieder vor einer Treppe zu stehen, die man früher unzählige Male hinauf- und hinuntergelaufen ist – diesmal allerdings ohne Marschgepäck und mit deutlich mehr Zeit für den Blick zurück.